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Tanz Aktuell Ausgabe Mai 2016

d:bpdf139.n_.pdfEin Tänzer erfindet sich neu

Bild zu Artikel: Ein Tänzer erfindet sich neu
Mit zwölf begann Marco Santi gegen den Willen seines Vaters mit der ­Ballettschule. Er wurde ein hinreissender Tänzer und innovativer Choreograph. Jetzt arbeitet der 50jährige Italiener an ­seiner dritten Karriere.
von Helga Schabel

Krankheit als Chance» – wenn das stimmt, dann ist Marco Santi das Paradebeispiel dafür. Fünf Monate hat er im vergangenen Jahr gegen ein Burn-out gekämpft, jetzt ist er wieder fit und mit vollem Einsatz daran, nach seiner Theaterkarriere einen neuen Lebensabschnitt zu beginnen als Lehrer für Gesundheitsgymnastik. Bereits jetzt unterrichtet er an Tanzschulen und in Fitnessstudios und kommt gut an, wie er versichert. Demnächst will er ein eigenes Studio eröffnen. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter werden Pilates, Yoga, Kinder- und Seniorentanz unterrichten, er selbst wird Gyrokinesis und Achtsamkeitsmeditation übernehmen (s. Kasten). «Diese Techniken sind andernorts in der Schweiz bereits bekannt, in St.Gallen bin ich einer der ersten, der sie anbietet», sagt er. «Die Achtsamkeitsmeditation hat mir mein Arzt als Stress­bewältigungsprogramm empfohlen und es hat mir sehr gut geholfen bei der Behandlung des Burn-outs.» Obwohl wieder vollkommen hergestellt, meditiert er nun jeden Tag eine Stunde, «das ist eine Zeit, die ich mir selbst schenke, weil ich gelernt habe, auf meinen Körper zu hören und sorgsam mit mir umzugehen.»
Demnächst beendet er seine Ausbildung am Achtsamkeitsins­titut Deutschland, und ab Herbst wird er dieses Programm anbieten für Menschen, die unter Depressionen leiden, sich ausgebrannt fühlen oder einem drohenden Burn-out vorbeugen wollen.
Über einen Plan B will Santi nicht sprechen, «ich bin überzeugt, dass mein Plan A funktioniert», sagt er. Damit leistet der Italiener einmal mehr Pionierarbeit. Obwohl als rein klassischer Ballettänzer ausgebildet, hat er einen eigenen zeitgenössischen Tanzstil entwickelt und diesen in den Neunzigerjahren mit seiner Tanzkompagnie am Staatstheater Stuttgart gepflegt. Auch als Tanzchef am Theater St.Gallen hat er mit seinem unvergleichlichen Stil Furore gemacht, wobei der Boden für zeitgenössischen Tanz bereits von Vorgänger Phillip Egli vorbereitet war. In den fünf Jahren hat Marco Santi grossartige Choreographien geschaffen, hat für die St.Galler Festspiele die Kathedrale unvergesslich hinreissend bespielt (unter anderem mit eigens dafür komponierter Musik von Paul Giger) und mit seinen Werken vor allem auch ein jüngeres Publikum angesprochen.
Unschöner Abgang
Umso grösser war die Enttäuschung über das unerwartete und von unschönen Nebengeräuschen begleitete Ende dieser Karriere. Heute kann Santi wieder ­darüber sprechen, doch im Vorjahr hat ihn der Leidensdruck krank gemacht. Für die letzte am Theater geplante Arbeit «Frida Kahlo» musste sein Vorgänger Phillip ­Egli einspringen.
Der Hauptgrund für Santi, seinen Vertrag nicht zu verlängern: Er wollte mehr Selbständigkeit und Mittel für den Tanz, die Theaterleitung war jedoch der Ansicht, der Tanz müsse auch am Dreispartenhaus der Musiktheaterdirektion unterstellt bleiben, weil der Tanz nur mit Oper und Musical querfinanziert werden kann.
Riesenverlust
Noch heute bedauern die Fans seinen Abgang. «Er war der beste Choreograph, den wir je hatten in St.Gallen», sagt etwa Margrit Weber-Meili, ehemals Balletttänzerin am Stadttheater St.Gallen (wie es damals noch hiess) und danach langjährige Leiterin der Ballettschule Degersheim. Sie kennt Marco Santi aus früherer Zusammenarbeit und beschreibt ihn als «hochsensibel, äusserst kreativ und innovativ.» Paul Giger – stets begeistert davon, wie stimmig und gleichzeitig überraschend Santi seine Musik in Bewegung umsetzte – findet, dass «wir mit Santi einen der schöpferischsten Köpfe in St.Gallen verloren haben».
Versöhnt und dankbar
Mit der Fespielproduktion «Ignis» in der Laurenzenkirche nahm Marco Santi vorigen Sommer Abschied vom Theaterbetrieb und dessen «unmensch­lichem Produktionsdruck». Mittlerweile hat er sich versöhnt mit den ehemals Gescholtenen. «Ich bin sehr dankbar für alles, was ich am Theater St.Gallen machen durfte. Es war eine tolle Zeit.» Werden wir ihn also nie wieder als Choreographen erleben? «Zurzeit konzentriere ich mich ganz auf den Aufbau meines Studios für Gesundheitsgymnastik», sagt er. Eine Oper würde er allerdings noch gern choreographieren, wie er nach einigem Nachhaken verrät: Monteverdis «Il ritorno d Ulisse in patria». Und wer weiss?… hat sich doch schon der 12-Jährige einst gegen den Vater durchgesetzt, der Tanzen unmännlich fand und lieber einen Sportler aus dem Sohn gemacht hätte.

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